DEPORTATION CLASS
Fünf Jahre ist es her, dass wir unseren Dokumentarfilm 'Wadim' fertiggestellt haben. Ein Film über einen jungen Flüchtling, eben jenen Wadim, der nach einer Kindheit und Jugend in Deutschland mit 18 Jahren aus seiner Familie herausgerissen und allein abgeschoben wurde. Ein paar Jahre später nahm Wadim sich das Leben.

Der Film wurde mit Preisen ausgezeichnet, lief bei Festivals, im Kino und im Fernsehen. Für Wadims Eltern und seinen Bruder ein Hauch von Genugtuung. Für uns stand danach fest, dass wir keinen weiteren Film zu Abschiebungen machen würden. Weil die Arbeit an diesem Projekt für alle Beteiligten hart war. Und weil wir damals glaubten, alles erzählt zu haben, was wir zu diesem Thema zu sagen haben.

Fünf Jahre später, im Frühjahr 2016, sah die Welt plötzlich anders aus. Durch Zufall hatte sich die Möglichkeit ergeben, in Mecklenburg-Vorpommern eine Sammelabschiebung zu filmen. Eine einmalige Gelegenheit. Denn Abschiebungen lassen sich nicht allein anhand der Schilderungen von Betroffenen diskutieren. Es braucht, so meinen wir, die harten, teils brutalen Bilder dieser oft nächtlichen Einsätze, um zu vermitteln, worum es bei diesem Thema tatsächlich geht.

Wir haben unseren neuen Dokumentarfilm DEPORTATION CLASS genannt, nach der gleichnamigen Kampagne, die das Netzwerk ‚Kein Mensch ist illegal‘ 1999 initiierte. Nicht weil wir dieses politische Netzwerk nach außen vertreten. Sondern weil dieser Titel treffend die Gruppe von Menschen umschreibt, die Woche für Woche in Flugzeuge gesetzt und ausgeflogen werden, ansonsten aber namenlos bleiben: Zahlen in Statistiken, mit denen Politik und Wahlkampf gemacht werden – mehr nicht.

Wir leben in einer Zeit, in der die ersten Ansätze einer Willkommenskultur in Deutschland von bewusst geschürten Ängsten und teils offener Fremdenfeindlichkeit überlagert werden. Um Wähler zu gewinnen, überbieten sich populistische, aber auch etablierte Parteien gegenseitig in ihren Forderungen nach schnelleren und härteren Abschiebungen. Deshalb ist es heute wichtiger denn je, nicht aus den Augen zu verlieren, wo Politik, Gesetzgebung und staatliche Zwangsmaßnahmen ihre Grenzen haben. Wir hoffen, der Film DEPORTATION CLASS leistet zu diesem Diskurs einen Beitrag.

Carsten Rau und Hauke Wendler